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Hinsetzten. Geschichtsunterricht. Kambodscha.

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Geographisch gesehen liegt Kambodscha inmitten des sogenannten Indochina. Im Norden Laos, im Osten Vietnam, im Westen Thailand. Der Mekong Fluss fliest als Hauptlebensader quer durchs Land von Nord-Ost nach Süd-West. Faszinierend auch der Tonle Sap, bei dem die Fliesrichtung während der Regenzeit nicht zum Meer sonder Flussaufwärts den See Tonle füllt und zum grössten Binnengewässer Südostasiens macht. Häuser die auf Stelzen gebaut sind, Holzverarbeitung für die Möbelstücke die an Mahagoni erinnert und endlose grün leuchtende Reisflächen. Kambodscha weckt unsere Neugierde und wir beschäftigigen uns ein bisschen mehr mit dem Land und seinen Leuten.

Im Ausland ist Kambodscha wohl vor allem durch das Weltkulturerbe der Angkor Tempelanlage nahe der Stadt Siem Reap bekannt. Erbaut zu Zeiten des Khmer Empire, sind sie Ausdruck einer wahrhaft florierenden Zeit des Landes. Wir besuchen die Tempel und Wälder der damaligen Hauptstadt Angkor und können die damalige Grösse and Macht nur noch erahnen. Auf dem Höhepunkt im 12. Jahrhundert lebten hier etwa 1 Millonen Menschen. Heutigen Landflächen von Laos, Vietnam und Thailand gehörten zu grossen Teilen dem Khmer Empire an. Doch alles hat ein Ende. Die Uhr drehte sich stetig weiter und Kambodscha schrieb weitere Zeilen nennenswerter Geschichte.
Historiker mögen uns vielleicht für unsere Betrachtung lünchen wollen, jedoch fassen wir die darauf folgenden Jahrhunderte bis ins 18. Jahrhundert mal durch die dominierenden Kriege zwischen Vietnam und Thailand zusammen. Kambodscha praktisch ein Fronten-Sandwich.

Im 19. Jahrhundert, nennen wir es das Jahrhundert der Kolonalisierung, annektierte Frankreich den Süden Vietnams. Kambodscha, noch immer unter starken Druck der Nachbarländer, erhoffte sich einen Ausweg und bat die Franzosen um Schutz (Protektorat). Einen Schutz um direkte Nachbarn fernzuhalten. Einen Schutz vor den Franzosen selbst, daran dachte niemand. So wurde Kambodscha von innen heraus von den „allez le blue“ invasiert und zur „quasi-Kolonie“ Frankreichs. Das Könighaus Kambodschas blieb bestehen, das Land wurde jedoch von außen regiert und stürzte in eine Abhängigkeit von Frankreich. Wie wir bereits in vielen ehemaligen Kolonien festgestellt haben, kam auch in Kambodscha mit der europäischen Vorherschaft ordentlich Industrie, Architektur und natürlich ein Hauch von „savoir vivre“. Unser europäische Gaumen ist über ein Mitbringsel aus der französischem Zeit durchaus dankbar: Das Baguette. Leckere Sandwich und Baguette zum Frühstück hatten wir schon für eine lange Zeit auf unserer Reise nicht mehr. In Südostasien ein recht häufig anzufindene Sättigungsbeilage. Mjami.

Um seine Position zu stärken, wurden die Franzosen noch kreativer. Vermehrt wurden Kambodschaner nach Frankreich geschickt, um dort eine akademische Elitenbildung zu erhalten. Auf diesem Wege entstand eine Gemeinschaft junger Männern, die ihr politisches Wesen und ihre Zukunftsideologien für Kambodscha unter französischem Einfluss entwickelten. Saloth Sarunter, auch unter dem Namen Pol Pot bekannt, studierte Radioelektronik in Paris. Eine akademische Urkunde erhielt er zwar nicht, dafür aber einen Schatz an radikaler Ideologie. Hören sollte man von ihm schon bald eine Menge.

Erst 1954 unter dem Druck der Widerstandsbewegung - Khmer Isaarak-  die sich mit den Vietnamesen und Japanern verbündeten, erlangte Kambodscha seine Unabhängigkeit. Jedoch auch nach der Unabhängikeitserklärung und den darauf folgenden 21 Jahren ging es turbulent weiter. Das Oberhaupt der Königsfamilie, König Sihanouk, regierte als König und Präsident des durchaus florierenden Landes. Kambodscha wurde zu diesem Zeitpunkt die „Schweiz Südostasiens“ bezeichnet.

1970 wurde Sihanouk gestürzt und die Macht der Krone erlosch vorerst. Sein eigener Premierminister Lon Nol war für den Putsch verantwortlich und rufte die Khmer-Republik aus. Der gestürtze König erhielt Asyl in Peking und organisierte den Gegenstoss mit weiteren politischen Gegner. Der Grundstein für eine grausamen Zeit wurde gelegt. Nach einem zweijährigen Bürgerkrieg, unterstütz von Guerilla-Einheiten und angeführt von Paul Pot, dem Studienabbrecher aus Paris, gewannen die Gegner Lon Nols und übernahmen die Macht in Kambodscha.

Am 17. April 1975 begann die Diktatur unter Pol Pot und seinen Roten Khmer. Am selben Tag wurde die Hauptstadt Phnom Penh entvölkert. Alle halbwegs gebildeten Menschen, Lesen zu können reichte für diese Definition bereits aus, erhielten ein Todesurteil. Natürlich ohne Verhandlung. Unvorstellbar das beispielsweise beinahe alle Mediziner und Lehrer des Landes ermordert wurden! Alle anderen Menschen wurden zum Arbeiten aufs Feld geschickt. Viele von Ihnen liesen aufgrund mangelnder Ernährung und bitterer Arbeitsbedingungen ihr Leben. Insgesamt ermordeten die Roten Khmer ca. 3 Millionen Menschen, ein ganzes Drittel der Bevölkerung. Wie konnte solch ein Hexenkessel in der damaligen Zeit nur möglich sein? Waren es versteckte Folgen und vielleicht die Scheu nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 so ein schreckliches Geschehen im direkten Nachbarland für möglich zu halten? Tatsache ist, dass kaum ein Muchs nach Außen geriet und bis der Groschen im Ausland endlich gefallen war, litt Kambodscha unvorstellbar. Die darauffolgenden 30 Jahre verliefen alles andere als konfliktfrei....

...1979 endete die Schreckenszeit der Roten Khmer durch den Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kambodscha. Unter anderem begann auch die Machtgewinnung des heutigen Prime Minister Hun Sen. Wie viele junge Männer musste auch Hun Sen in den Dienst der Roten Khmer. Im Nordosten des Landes geriet er in vietnamesische Gefangenschaft. In einem Pakt mit den Vietnamesen half er ihren Truppen Kambodscha zu befreien und erlangte im Gegenzug den Posten des Aussenministers in der von den Vietnamesen neu installierten Regierung. In den darauffolgenden Jahren wurde Kambdoscha traurigerweise wieder einmal zum Spielball der Grossmächte Russland, China und USA. Bis 1988 besetzte Vietnam Kambodscha und wurde vom kommunistischen Russland finanziell, sowie mit Waffen unterstütz. Keine Frage zu dieser Zeit, dass China und die USA gegen die UDSSR konträr agierten und die Guerilla-Einheiten im Norden des Landes unterstützen. Bürgerkriegsähnliche Aufständ waren das Resultat.

Nach dem Abzug der vietnamesischen Besatzung fing die internationale diplomatische Auseinandersetzung mit dem Land Kambodscha an. Im Jahr 1991/92 startete die Vereinten Nationen ein noch nie dagewesenes Experiment:  United Nations Transitional Authority in Cambodia (UNTAC). Eine Friedensmission und damit die Bereitstellung einer Übergangsregierung mit dem Versprechen den Grundstein einer Demoktratie inklusive Verfassung zu entwickeln. Das bereits bekannte Oberhaupt des Königshaus gewann wieder an Macht und so war Sihanouk vorübergehend Staatsoberhaupt und König. Versprechen und oberstes Ziel der Friedensmission war es freie demokratische Wahlen für das darauffolgende Jahr 1993 zu organisieren. Kambodscha wurde eine konstitutionelle Monarchie und ist es noch heute.

Das Ziel freie Wahlen durchzuführen wurde mit Mühen erreicht. Die Wahlbeteiligung lag mit 90% enorm hoch. Drei grosse Parteien gewannen an Macht: Party of Democratic Kampuchea (PDK)  alles ehemalige Führungspersonen der Roten Khmer; Prince Ranariddh's FUNCINPEC – Sohn des Königs Sihanouk und Hun Sens Cambodian People's Party (CPP). Eine Koallitionsbildung war nach den ersten freien Wahlen nicht möglich. Zu viele befeindete Individuen und unterschiedlichste Interessensgruppen waren es nicht gewöhnt in einer Demokratie friedlich zu agieren. Ein Katz und Mausspiel begann. Es gipfelte im Jahr 1997 beim sogenannten „1997 Coup“ von Hun Sen gegen seinen Widersacher Ranariddh. Ein Strassenkampf zwischen zwei „Bodyguard Armeen“ der FUNCIPEC (Prinz Ranariddh) und der CPP (Hun Sen) wurde in Phnom Penh ausgetragen. Daraufhin floh Prinz Ranariddh ins Exil nach Frankreich und durch viele politisch motivierte Ermordungen erhielt das Ziel einer friedlichen Demokratie in Kambodscha  einen derben Rückschlag. Hun Sen bleibt bis heute im Amt und ist das am längsten im Amt regierende Oberhaupt in Asien.

Die Vereinten Nation spenden jährlich im Rahmen vom Paris Peace Accord Entwicklugnshilfe in Höhe von über 1 Millarden USD. Vor 10 Jahren waren es noch USD 600 Millionen. Natürlich mit China als grösstem Finanzier. Von diesem Geld verschwindet jährlich fast die Hälfte in der korrupten Misswirtschaft der Politik. Alles weltweit seit vielen Jahren bekannt! Auf internationalen Druck hin wurde an einem Anit-Korruptions Gesetz gearbeitet. Dafür benötigte die Regierung mehr als 10 Jahre und seit inkrafttreten im Jahr 2010 mangelt es an der Ausführung. Korruption ist tief verwurzelt in Legislative, Judikative und Exekutive. Berichten von Human Rights Watch zufolge müssen noch heute Schulkinder täglich Bestechungsgeld für die Lehrer in Schulklassen mitbringen – Ansonsten unterrichten die Lehrer nicht.

Selbst in einer der drei grössten Industrie, dem Tourismus, konnten wir hautnah miterleben wie Bestechung hier an der Tagesordnung ist. Grenzbeamte die nur gegen eine Gebühr arbeiten oder einen „Gesundheitstest“ für die Einreise erfinden (Gegen Entgeld natürlich). Von unserem kleinen Korruptionserlebnis mit dem Grenzbeamten bei der Ausreise ist hier zu lesen. Pro Einreise- und Ausreisestempel 2$ von jedem Touristen! 4 Millionen Touristen besuchten Kambodscha im Jahr 2013. Rein hypothetisch gesehen: wenn nur ¼ über den Land Weg ein und ausreisen und die Bestechung bereit sind zu zahlen fliesen 4 Millionen USD in die Misswirtschaft von der die Bevölkerung sicherlich keinen einzigen Cent sieht. Traurig aber wahr.

Aber wie geht es dem Land denn nun? Vielleicht ist die Korruption ja doch zu etwas gut? Gemessen am  Pro Kopf Einkommen, der Analphabetenrate, Zugang zu sanitären Einrichtungen oder beispielsweise des Ertrags der Reisbauern pro Saison (Kambodscha eine; Vietnam bis zu vier) schneidet das Land in Asien mit Burma als Ärmstes ab. In der Anthropologie wird gerne der Zustand der Hausdächer als Kennwert für Armut verwendet. Wenn wir diese Methode selbst anwenden empfinden wir die kambodschanischen Landhäuser, verglichen mit unseren Eindrücken aus Afrika und Indien, erst einmal als fortschrittlich. Auf Stelzen gebaute Häuser mit Wellblechdach und Holz oder Strohwänden (Siehe Fotos). In nördlich angesiedelten Laos haben wir einen ähnlichen Baustil vorgefunden, jedoch in der Tat mit Upgrade: vermehrt Steinhäuser und Ziegeldächer. Vietnam und Thailand stechen in dieser Betrachtungsweise enorm heraus. Moderne, Steinhäuser, ja quasi fast Westlich. Also wie geht es dem Land? Es könnte wohl deutlich deutlich besser sein.

Schön zu sehen ist dennoch, dass die Kambodschaner ein freundliches Volk sind, mit einer überraschenden Portion Humor, die wir nicht oft antreffen. Man gibt sich Mühe. Man lebt und arbeitet. Viele Familien leben auf autarken Farmen. Selbstversorgen, wenn der Staat schon keine große Hilfe ist. Das klingt ganz nach einem Kämpfervolk, das auch nach dem Grauen der Rothen Khmer, als Kambodschaner andere Kambodschaner mit Schaufeln erschlugen und in Gruben aufhäuften, nicht aufgibt. Voranschaut. Mithalten will. Wir sind gespannt wie sich das Land in den nächsten Jahrzehnten entwickelt und freuen uns schon auf ein Wiedersehen.

Ein spannendes Buch hat uns bei der politischen Reise durch die Geschichte Kambodschas begleitet:

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Literatur & Filme

Cambodias Curse von Joel Brinkley [Buch]
Kambodschas Geschichte von Vorgestern bis Heute

Rumour of Spring von Max du Preez
[Buch]
Südafrika nach 20 Jahren Demokratie


Spielball Erde von Claus Kleber: [Buch], [Dokumentation], [IPad-App]
Kampf um knappe Ressourcen

12 Years a slave
[Buch],[Film]
Wahre Geschichte eines entführten und versklavten Amerikaners

Webseiten

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